Frauen und Armut
Wohlstand in Europa
Österreich gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Nach dem Ende 2010 veröffentlichten Legatum Prosperity Index, der eine Wohlstandsrangliste auf der Grundlage einer Kombination aus Wirtschaftswachstum, persönlichem Wohlbefinden und Lebensqualität in 104 Ländern erstellt, lag Österreich auf dem 14. Platz. Sechs der "Top Ten"-Staaten des Prosperity Index lagen 2010 in Europa: Norwegen (1), Dänemark (2), Finnland (3), Schweden (6), Schweiz (8) und die Niederlande (9).
→ Report: Legatum Prosperity Index 2010

- Quelle: pixelio.de
Armut in Europa
Trotz dieses Reichtums gibt es auch in Europa Armut, auf die das Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung 2010 aufmerksam macht.
Zur Berechnung der Armutsgefährdung wurde in der EU ein einheitliches Verfahren entwickelt, (EU SILC – EU "Statistics on Income and Living Conditions"), das sich am mittleren Haushaltseinkommen orientiert. Als armutsgefährdet gilt hiernach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, wobei diese Grenze von Land zu Land verschieden ist. Von manifester Armut spricht man, wenn neben der finanziellen Not noch andere Beeinträchtigungen bestehen, wie die Unmöglichkeit, die Wohnung angemessen zu beheizen, neue Kleidung zu kaufen, unerwartete Ausgaben zu machen, einmal im Monat nach Hause zum Essen einzuladen, usw. Ganz generell ist Armut durch gesellschaftliche Ausgrenzung gekennzeichnet: Arm ist, wer am gesellschaftlichen, sozialen und politischen Leben nicht oder nicht voll teilhaben kann.
17% aller Frauen und insgesamt 85 Millionen Menschen leben in den EU-27-Ländern unter der Armutsgrenze. Zwischen dem Land mit der geringsten Armutsgefährdung (Tschechische Republik mit 9 %) und dem Land mit der größten Armutsgefährdung (Lettland mit 26 %) besteht innerhalb der EU eine enorme Spannweite (www.2010gegenarmut.at, letzter Zugriff, 5.9.2011).
In Österreich liegt die Armutsgefährdungsquote (ebenfalls nach Daten aus dem Jahr 2008) derzeit bei 12,4 %. D.h. rund eine Million Menschen bzw. rund jeder achte Österreicher bzw. jede achte Österreicherin ist armutsgefährdet. Der Jahreswert für die Armutsgefährdung liegt bei 11.406 Euro. Als armutsgefährdet gilt somit, wer monatlich weniger als 815 Euro (bei einer 14 mal jährlichen Auszahlung) bzw. 951 Euro (bei einer 12 mal jährlichen Auszahlung) zur Verfügung hat. Von den 12,4 % der österreichischen Bevölkerung, die armutsgefährdet sind, ist rund die Hälfte (492.000 Personen) gleichzeitig mit finanzieller Deprivation (mangelnde Teilhabe am Mindestlebensstandard) konfrontiert. D.h. rund 6 % der Bevölkerung sind von manifester Armut betroffen (Gemeinsam gegen Armut, S. 6 und 11).
→ Armutsgefährdung in Europa 2008 (Überblick)
→ Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung in Österreich
Frauen sind von Armut stärker betroffen
Europaweit liegt die Zahl von Frauen, die von Armut bedroht sind, mit 17 % um rund 2 % Prozent höher als bei den Männern. In Österreich liegt die Armutsgefährdung bei den Männern bei 11,2 % und bei den Frauen bei 13,5 % (Gemeinsam gegen Armut, S. 8). Kritische BetrachterInnen merken zur Berechnung jedoch an, dass die tatsächliche Frauen- und Mädchenarmut vermutlich höher liegt. Verantwortlich hierfür ist, dass bei der Berechnung von Armutsgefährdung von einer gleichen Verteilung der Ressourcen in einem Haushalt ausgegangen wird, diese in der Realität aber nicht immer gegeben ist, sondern vielmehr eine Benachteiligung von Frauen und Mädchen auch bei der Verteilung von Ressourcen in einem Haushalt festzustellen ist (Karin Heitzmann, Ist Armut weiblich?, 2006)
→ Armutsgefährdung nach soziodemographischen Merkmalen
Besonders betroffen von Armut sind Alleinerzieherinnen, ältere Frauen und Migrantinnen. So leben EU-weit 21 % der Frauen über 65 Jahre in Armut und sind 33 % der Alleinerzieherinnen von Armut gefährdet (Christine Stelzer-Orthofer, Frauenarmut in Österreich und der EU, 2010). Bezogen auf die Gesamtbevölkerung zeigen in Österreich vor allem folgende Bevölkerungsgruppen ein erhöhtes Risiko, von Armut betroffen zu sein/werden.
- Haushalte mit Langzeitarbeitsosen (43 %)
- Ausländische StaatsbürgerInnen (30 %)
- AlleinerzieherInnen (29 %)
- Alleinlebende Pensionistinnen (24 %)
- Personen mit Pflichtschulabschluss (22 %)
- Alleinlebende Frauen ohne Pension (20 %)
- Familien mit mehr als drei Kindern (20 %)
- Personen, die maximal über einen Pflichtschulabschluss verfügen (22 %)(Gemeinsam gegen Armut, S. 7)

- Quellen: pixelio.de
Gründe für die Armutsgefährdung von Frauen
Entscheidend dafür, ob Menschen von Armut bedroht sind, ist v.a. ob sie einer ausreichend bezahlten Beschäftigung nachgehen oder nachgehen können. Die stärkere Armutsgefährdung von Frauen hängt somit wesentlich mit der Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zusammen. Was das Geschlechterverhältnis betrifft, ist hierbei jedoch eine deutliche Einkommensschere feststellbar.
Die "Gender-pay-Gap-Quote", die Einkommensunterschiede anhand des durchschnittlichen Bruttoverdienstes von Frauen und Männern misst, zeigt, dass Frauen deutlich weniger verdienen als Männer. In Österreich liegt der Einkommensunterschied aktuell bei 25,5 %, womit Österreich neben Estland und der Tschechischen Republik zu jenen Ländern zählt, in denen es die deutlichsten Geschlechterunterschiede in EU-Europa gibt. Maßgeblich für den Gender gap im Einkommen sind folgende Faktoren:
- Frauen verdienen für dieselbe Arbeit noch immer weniger als Männer.
- Frauen wählen Berufsfelder, die schlecht bezahlt sind – vielleicht auch deswegen, weil sie vorrangig von Frauen ausgeübt werden.
- Frauen sind in ihrem beruflichen Aufstieg gegenüber Männern benachteiligt und stoßen im Gegensatz zu diesen an eine "gläserne Decke."
- Frauen arbeiten häufiger Teilzeit als Männer und sind überdurchschnittlich oft in atypischen oder prekären Beschäftigungsverhältnissen zu finden.
- Frauen sind stärker unter den "Working poor" zu finden. Das sind jene Personen zwischen 20 und 64 Jahren, die trotz Erwerbstätigkeit kein gewichtetes Haushaltseinkommen über der Armutsgefährdungsschwelle erreichen: 2008 waren insgesamt 247.000 Personen in Österreich "Working poor", davon rund 132.000 Männer und 116.000 Frauen. Das sind 6 % aller erwerbstätigen Männer und 7 % aller erwerbstätigen Frauen (Gemeinsam gegen Armut, S. 13)
- Die Frauenerwerbsarbeit muss mit Haushalt und Betreuungsarbeit vereinbart werden. Etwa ein Drittel der unentgeldlichen Arbeit wird von Frauen erbracht. (Christine Stelzer-Orthofer, Frauenarmut in Österreich und der EU, 2010). Männer zeigen sich immer noch deutlich weniger für Haushalt und Familie zuständig.
→ Gender Pay Quote in Europa
Wege aus der Frauenarmut
Nicht zuletzt deshalb, da auch Sozialleistungen primär an ein Erwerbseinkommen angebunden sind, haben Wege aus der Frauenarmut v.a. bei einer Verbesserung der Situation der Frau am Arbeitsmarkt anzusetzen. Ein Weg hierzu bieten Gleichbehandlungsgesetze und aktive Frauenförderungsmaßnahmen, das Gender-Mainstreaming, wonach die geschlechtsspezifischen Auswirkungen bei allem staatlichen Handeln zu überprüfen ist und das Gender-Budgeting bzw. die Berücksichtigung der Gender-Perspektive bei allen Phasen der Budgeterstellung. Erforderlich ist v.a. aber auch eine Verbesserung der Betreuungseinrichtungen für Kinder, da Frauen auch durch ihre Doppelbelastung in Beruf und Familie in ihrem Berufsleben benachteiligt sind.
→ Wissensmodul Arbeitswelt
→ Wissensmodul In der Familie
Modelle, die die Einführung einer Mindestsicherung oder eines Grundeinkommens zum Ziel haben, intendieren die Armutsbekämpfung bzw. -verhütung unter beiden Geschlechtern. Ein erster Schritt in diese Richtung soll in Österreich im Herbst 2010 mit der Einführung einer bedarfsorientierten Mindestsicherung getan werden.
→ Infoseite zur Einführung einer bedarfsorientierten Mindestsicherung in Österreich
Bekämpfung von (Frauen-)armut nützt auch der Wirtschaft
Armut ist – wie verschiedene WirtschaftswissenschaftlerInnen betonen – nicht nur ein soziales Problem, sondern hat ihrerseits auch wiederum negative Auswirkungen auf die Wirtschaft: Wer nicht am Konsum teilhaben kann, trägt auch nicht zu einer Ankurbelung der Wirtschaft bei. Auch aus ökonomischer Sicht macht die Bekämpfung von Armut somit Sinn. Dass besonders die Wirtschaft von einer Gleichstellung profitieren würde, haben in letzter Zeit auch empirische Studien gezeigt.
So schätzt die OECD, dass ein Viertel des jährlichen europäischen Wirtschaftswachstums seit 1995 auf die steigenden Beschäftigungsquoten von Frauen zurückführbar ist. Eine im Auftrag der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft durchgeführte Modellsimulation hat ergeben, dass eine völlige Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt die Wirtschaftsleistung der EU-Mitgliedsländer zwischen 15 Prozent und 45 Prozent erhöhen würde. "Auch wenn diese hypotetischen Simulationsergebnisse" – so Margit Schratzenstaller vom WIFO – "das tatsächliche Wachstumspotenzial einer konsequenten Gleichstellungspolitik wohl überschätzen, machen sie [doch] deutlich, dass Gleichstellungsdefizite auch vergebene Wachstumschancen sind" (Margit Schratzenstaller, Equal Pay Day, in: Der Standard, 10./11. April 2010)
→ weiter zu: Am Arbeitsmarkt
→ weiter zu: In der Familie
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